Interview mit Gabrielle St. Clair und Michael Plesse in der Fachzeitschrift Prisma mit freundlicher Genehmigung von André Hammon, Zeitschrift Prisma

Essencia®

»Schaffe, schaffe, Häusle baue«, behaupten es die Schwaben zu wissen. »Einen Baum pflanzen, ein Kind zeugen und ein Buch schreiben«, entgegnet Ernest Hemingway, und Englands Schwarz-Komödianten von Monty Python versuchen gleich in einem zweistündigen Episodenfilm die Antwort auf die Frage aller Fragen zu geben. So recht überzeugen mag das alles jedoch nicht. Eine hiergegen essentielle Klärung der magna mysteria versprechen Gabrielle St. Clair und Michael Plesse: Der Sinn des Lebens liegt in jedem selbst. Um jedoch dorthin zu gelangen, bietet das Münchner Therapeutenpaar eine kleine Gehilfe an: Essencia.

Prisma: Bei »Essencia« drängen sich eindeutig die begrifflichen Parallelen zu Essenz, also zum Kern der Sache auf. Bewegen sich eure Seminare in eben diese Richtung hin zum Wesentlichen?

Michael: Natürlich. Um sich der Essenz im Leben zu nähern, muss man sich zunächst einmal die Sinnfrage stellen, die Frage nach dem Wesentlichen, nach dem, was von zentraler Bedeutung für mein Leben ist, um dann daraus eine Art Leitfaden für die folgende Seminararbeit zu spinnen.

Prisma: Welchen Weg schlagt ihr mit euren Seminarteilnehmern ein, um euch und sie diesem Wesentlichen im Leben zu nähern?

Michael: Die Frage nach der Essenz führt uns zu drei grundsätzlichen Themenbereichen, die dann auch die Eckpfeiler der Seminare bilden: Unerlässlich ist es zum einen herauszufinden, wer ich im Kern wirklich bin, und dies von dem zu trennen, wer ich glaube, sein zu müssen, weil es eigene Erwartungen oder die anderer so an mich herangetragen haben. Zum Zweiten gilt es zu beobachten, wie ich mich beziehe. Das heißt, wie ich vom Standpunkt dieses Kerns meines Wesens meine Umwelt wahrnehme und mit ihr umgehe. Und zum Dritten wie sich dieses Umgehen mit der Welt ausdrückt. Prisma: Wieso hast du Eckpfeiler zur Verbildlichung dieser drei Grundthemen gewählt?

Michael: Weil keines der drei Themen den anderen vorzuziehen ist. Sie sind alle gleich gewichtet. Fehlt einer der Eckpfeiler stürzt das ganze Konstrukt zusammen. Man könnte auch das Bild eines Dreiklangs wählen: Wie aus drei Tönen eine Harmonie entsteht, so entsteht aus den drei Eckpfeilern der »Essencia« eine Erfahrung von erweiterter Lebensqualität. Die Teilnehmer finden Zugang zu einem in der Tiefe des Wesens gut geführten Leben.

Prisma: Was bedeutet das für die Teilnehmer, wenn sie in ihren Alltag zurückkehren? Werfen sie dann alles überflüssige über Bord? Bedeutet Essenz nicht auch Verzicht?

Michael: Nicht Verzicht im herkömmlichen Sinne. Niemand muss opfern, was zu ihm gehört. Im Seminar komme ich in einen Prozess, der mich erkennen lässt wer ich bin. Nur das, was nicht wirklich Teil meines Wesens ist, was ich sozusagen als bloßen Ballast mit mir herumschleppe, wird gehen - und zwar ganz von selbst. Prisma: Ganz plakativ gesprochen ist dein Seminar also ein Wegweiser für jene, die in der Tradition esoterischer Klischees auf der »Suche nach dem Sinn des Lebens« sind. Michael: Nicht ganz. Die Sache mit der »Suche nach dem Sinn des Lebens« hat - obwohl sie in bestimmten Lebensabschnitten tolle Erfahrungen mit sich bringt - oftmals ihre Tücken. Denn bei dem ganzen Suchen und Aufstellen neuer Ziele, durch die wir uns immer wieder neu definieren wollen, kann es leicht passieren, dass wir übersehen, dass all das, wonach wir suchen, schon längst da ist. Alles, was wir brauchen, liegt in uns. Dies zu erkennen und zu erfahren, darauf zielen meine Seminare ab.

Prisma: Also neue Definitionen für's alte Leben?

Michael: Das schon eher. Eine neue Wertedefinition ist die konsequente Folge, wenn man den Kern seines Wesens entdeckt hat. Verblüfft stellen die Leute dann fest, dass all diese Qualitäten, die sie im Außen durch Erfolg, eine perfekte Beziehung oder irgendwelche Statussymbole zu erreichen versucht haben, längst in ihnen schlummerten. Das verschafft eine gewisse innere Gelassenheit, die in jeder Lebenssituation zum Tragen kommt. Man ist nicht mehr abhängig von Äußerlichkeiten oder Mitmenschen, da man sich nur noch aus sich selbst heraus definiert.

Prisma: Das klingt, als dürfte es Vieles im Leben vereinfachen.

Michael: Das tu es auch. In dem Moment, in dem wir uns auf die Essenz im Leben konzentrieren, entdecken wir, wie einfach vieles ist - und wie kompliziert wir es uns oft gemacht haben. Es war nämlich enorm anstrengend, irgendwelchen Idealbildern von uns selbst hinterherzulaufen, die noch nicht einmal zu uns gepasst haben. Der Fokus aufs Wesentliche zeigt uns, wie wir wirklich sind. Die Idealbilder, die wir uns - aus welchen Gründen auch immer - von uns, unserer Beziehung oder von bestimmten Situationen gemalt haben, zerfallen und mit ihnen die Anspannung, die die Diskrepanz zwischen »Sein« und »Schein« hervorgerufen hat. Jetzt merken wir, dass wir leben - und dass das Leben immer in Bewegung ist. Wir können nun die ausstehenden Aufgaben anpacken, ohne nach vorgefertigten Schablonen handeln zu müssen. Dadurch gewinnt alles an Leichtigkeit.

Prisma: Nun kommen zu euch auch viele Menschen, die sich dieser Kompensation durch das Aneignen äußerer Werte schon exzessiv hingegeben haben. Ihr spracht von Rechtsanwälten, Ärzten, Managern. Was motiviert jemanden, der im Außen alles erreicht hat, sich die tiefere Sinnfrage zu stellen?

Michael: Weil sie in Wahrheit immer nach der inneren Befriedigung gesucht haben. Mit den meisten Erfolgsmenschen verhält es sich so wie mit dem Esel, der der Karotte nachläuft, die man ihm vor die Nase bindet. Er kann noch so weit und noch so schnell laufen, er wird sie nie zu fassen kriegen. Der Weg auf dem man über die äußere Ersatzbefriedigung zur Erfüllung gelangen möchte, führt meist ins Leere. Viele Menschen, die zu uns kommen, haben diese Erfahrung schon gemacht und ahnen dadurch, dass es noch einen anderen Weg geben muss, und dieser bedingt nun mal, das zu finden, was uns in unserem tiefsten Selbst ausmacht.

Prisma: ...um dann seine Vision zu erkennen?

Michael: Zunächst einmal geht es uns eigentlich eher darum, Visionen abzubauen. Denn diese haben oftmals einen vorgeprägten Charakter, der uns einschränkt. Wir rennen einem gesteckten Ziel hinterher, da wir glauben, irgend etwas bedeutendes erreichen zu müssen, um dadurch liebenswerter zu sein. Wenn wir all diese Vorstellungen von uns selbst wie von einer Zwiebel abgeschält haben und uns selbst als solche, die wir sind, für liebenswert erkennen, dann kommt ohnehin auf uns zu, was getan werden will, und wir können unbelastet daran gehen, es zu tun. Den kleinen Bach, der eventuell einmal zum Ozean wird, interessiert an dieser Stelle auch noch nicht, was ihm die Zukunft bringt. Er kümmert sich nicht um das Ziel, sondern vertraut darauf, zu dem Ort seiner Bestimmung getragen zu werden. Prisma: Der Weg ist also das Ziel?

Gabrielle: Schon, dies sei aber nicht mit einem passiven Abwarten dessen, »was denn das Leben so bringt« zu verwechseln. Bei Essencia geht es um einen sehr engagierten und wachen Prozess von der Lebensvision im Äußeren hin zur Lebenswidmung im Inneren, bei dem ständig überprüft werden muss, was ich wirklich bin und was nicht. Es ist also nicht immer ein nur sanfter und angenehmer Vorgang, wenn wir uns unserem tiefen Selbst überlassen, sondern mitunter harte Arbeit, denn auf dem Weg nach innen gibt es den ein oder anderen Wasserfall zu überqueren und die ein oder andere Feuersbrunst zu durchschreiten.

Michael: Und wenn so eine Feuersbrunst, unsere alten Vorstellungen und Visionen in unserem Inneren verzehrt, kann dies zunächst natürlich auch ein schmerzhafter und herausfordernder Trennungsprozess sein.

Prisma: Das hört sich an, als hättet ihr selbst schon eure schmerzhaften Erfahrungen gemacht.

Michael: Natürlich. »Essencia« ist ein permanenter Prozess im Leben. Und es bietet sich tagtäglich die Möglichkeit neu zu prüfen, wo man gerade steht. Allein im Bereich der Beziehung. Wir sind jetzt beinahe... 'äh'... über 20 Jahre zusammen...

Gabrielle: 23!

Michael: Ja eben. Man sieht also: Vor allem Beziehungen stellen einen immer wieder vor neue Herausforderungen und bieten gleichermaßen ungeahnte Möglichkeiten

 

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