Interview mit Stephen Wolinsky

Ein direkter Schüler von Nisargadatta Maharaj, spricht mit Felicia M. Tomasko über seine Erfahrungen. Das Buch von Nisargadatta Maharaj „Ich bin“ hat die Bewusstseinsbewegung der 70ger Jahre beeinflusst und ist bis heute für diejenigen, die suchen, von Bedeutung. Der Weg, den Nisargadatta Maharaj gelehrt hat, ist das Advaita Vedanta. So wie Stephen Wolinsky erklärt: „Advaita bedeutet die Eine Substanz, nicht zwei und Vendanta meint ganz eindeutig das Enden der „Veden“.“ Wolinsky wendet dieses Verständnis, dass alles im Universum aus dieser einen Substanz besteht, in verschiedenen Bereichen an, wie z.B. der Quantenpsychologie, eine Feinabstimmung der psychologischen Theorie, die er auf der Basis von Maharaj´s Lehre entwickelt hat. Ein einfacher Satz, der dies erklärt, heißt im Sanskrit ´Neti-Neti´; etwas, dass weder Dies, noch Das ist. Wenn alles aus einer Substanz ist, ist alles illusionär – gibt es nicht die eine oder die andere Sache. Alles, was wir sehen, ist weder Dies, noch Das. Und natürlich, da Sprache dualistisch und definierend ist, ist dies eine herausfordernde Sicht. Doch sie kann sehr befreiend sein.

Felicia M. Tomasko (FMT): Wie hast du deinen Lehrer Nisargadatta Maharaj kennengelernt?

Stephen Wolinsky (SW): 1976 bekam ich das Buch "Ich Bin". Ich fuhr eigentlich, um Nisargadatta Maharaj nur so nebenbei zu sehen. Ich habe ihn sogar gar nicht gesehen, war mittags dort und bin wieder gefahren. 1978 bin ich zurück gekehrt und dann bin ich ihm wirklich begegnet. Die Hauptlehre von Maharaj ist, dass es 3 Basisprinzipien im Yoga gibt, egal welches Yoga es ist. Du bist nicht die Gedanken, und du bist nicht der Körper, und du bist nicht der Macher. Für Maharaj wurde Spiritualität nur durch eine und nur durch eine einzige Sache definiert, und dass ist die Realisation von dem WER DU BIST. Weder der Weg, wie weit du gegangen bist, noch Technik waren wichtig. Entweder weisst du, wer du bist oder du weisst es nicht und sein einziger Fokus war, dich dort hin zu bringen, wo du weisst, wer du bist. Der Ansatz, den er benutzte, war höchst konfrontierend, „Was immer du denkst oder glaubst zu sein, bist du nicht!“ Wenn ich glaube, dass die Welt nur eine Substanz ist, macht es keinen Unterschied, ob ich glücklich, traurig, liebend, höflich, mitfühlend bin oder ein großer Yogi. Das hat nichts damit zu tun, wer du bist. Das sind nur Gedanken, Ideen; dies sind Hinweise, die bestenfalls dir die Richtung zeigen, um herauszufinden, wer du bist. Es gibt ein berühmtes Zen-Sprichwort: „Der Finger, der zum Mond zeigt ist nicht der Mond.“ Für die meisten Menschen wird der Weg zu ihrer Religion. Ihnen ist die Art der Ausführung wichtiger, als das, was sie sich davon versprechen. Doch wie du es tust ist nicht wirklich wichtig. Die einzige Sache, die wichtig ist: Finde heraus, wer du nicht bist. Maharaj hat gesagt: „Vergiss mich, vergiss Maharaj, vergiss sogar die Lehren und lass dich einfach in Bewusstheit bleiben und dein eigener einzigartiger Weg, wie immer er auch sein mag, wird für dich auftauchen.“ Dies ist bedeutsam, denn es relativiert alles. Das Richtige für mich wird anders sein, als das Richtige für dich oder irgendjemanden. Wenn wir in Bewusstheit bleiben, hat jeder/jede einen eigenen „einzigartigen Weg“, der sich für ihn/sie zeigt. Unglücklicherweise soll in der Spiritualität eine einzige Form allen passen, wie eine Einheitsgröße (one size fits all). Jeder bekommt das selbe Mantra, Tantra, Yantra, dieselbe Sache zu tun, als wäre dies richtig für alle. Ich glaube, dass eine Menge der Probleme, die Menschen haben oder der Schmerz, dem sie begegnen darin liegt, dass sie ein System von jemand anderem übernehmen und versuchen, da hinein zu passen, anstatt in der Bewusstheit des eigenen Selbst und des eigenen Systems zu bleiben und zu schauen, was auftaucht.

FMT: Das lässt mich an Krishna´s Lehren in der Bhagavad Gita denken, dass es besser ist, dein eigenes Dharma schlecht zu machen, als das eines anderen gut.

SW: Ja absolut. Abhängig davon, wer vor ihm saß, hat Maharaj versucht, den Schlüssel zu finden, der ihre Tür entsperren konnte. Z.B. sagte Maharaj zu einem seiner Studenten: „Deine Praxis ist es, Quantenphysik zu studieren.“ Das heisst nicht, dass Quantenphysik als Modell wichtig ist. Von Bedeutung ist, dass das Yoga-Verständnis durch Quantenphysik entstehen konnte, weil der Geist dieser Person so organisiert war. Für jemand anderen könnte dies durch „Chanting“ geschehen und wieder für jemand anderen durch Meditation.

FMT: Das erklärt, warum es so viele verschiedene Wege gibt. Ein befähigter Lehrer wird ein Lehrer sein, der uns hilft, den Zugang zum eigenen einzigartigen Weg zu öffnen.

SW: Wenn du auf die 1000 Jahre oder so ähnlich alten Geschichten der Sufimeister zurückblickst, und sagen wir einmal, es gibt zehn Sufimeister und du gehst zu Sufimeister Nummer Eins. Er sitzt und spricht mit dir und sagt, „Ich bin nicht der richtige Sufimeister für dich, geh zu Sufimeister Nummer fünf.“ Und nachdem du mit Sufimeister Nummer fünf gesessen und gesprochen hast sagt dieser, „Du musst Sufimeister Nummer sieben sehen, das ist der Mann, der der Beste für dich ist.“ An diesem Punkt ist die Praxis studentenorientiert und nicht lehrerorientiert. Ich schicke dich dahin, wo du hingehen solltest, anstatt dich bei mir zu behalten, weil ich dich brauche. Wenn Maharaj sagt: „Vergiss mich, vergiss die Lehren, vergiss Maharaj, bleibe im Bewusstsein selbst als Tor zum Absoluten,“ dann sagt er eigentlich: wenn du dich nicht von deinen Gedanken, Erinnerungen, Gefühlen, Wahrnehmungen und Assoziationen abhängig machst, kannst du immer den zustandslosen Zustand erreichen. Du machst dich nicht abhängig vom Geist oder vom Energie-Körper. Der zustandslose Zustand ist der Zustand des „ICH BIN“. Das, was Maharaj so einzigartig macht ist, dass er sagt: Dies ist ein vorübergehender Zustand, eine Station. Wenn du im zustandslosen Zustand bist, ohne auf Gedanken, Erinnerungen, Gefühle, Assoziationen, Wahrnehmungen etc. zuzugreifen, dann ist es ruhig, es ist still, du bist dir des zustandslosen Zustands gewahr. Wenn du das „Dieses“ und das „Dann“ loslässt, bleibt einfach Bewusstsein. Maharaj ist dies von zwei Seiten aus angegangen. Eines war das klassische Neti-Neti des Advaita Vedanta: Nicht Dieses, nicht Jenes; weder meine Gedanken,noch meine Erinnerungen, Gefühle, Assoziationen, Wahrnehmungen, etc. Der andere Ansatz ist, dass alles Bewusstsein ist; nichts existiert außerhalb von Bewusstsein. Wenn das ICH BIN Bewusstsein ist, dann bin ich nicht meine Gedanken, Gefühle, Erinnerungen, Assoziationen, Wahrnehmungen etc. Ich weiß nur von einer einzigen Person, die in den letzten 2000 Jahren so gesprochen hat und das war Nargajuna, der Begründer des mittleren Weges des Madhyamaka Buddhismus. Bewusstheit ist ein Zustand, eine Erscheinung, etwas, das mir geschieht. Es ist nicht Ich. Ich bin VOR Bewusstheit. Dies ist wahrscheinlich die einzigartigste Aussage: Vollständige Realisation ist Realisation VOR Bewusstheit, bevor Bewusstheit selbst aufsteigt, einschließlich der äußerst subtilen Gefährtin, der Leere. Leere und Bewusstheit sind aus der selben Substanz, zwei Seiten derselben Medaille. Leere ist Bewusstheit; Bewusstheit ist Leere. Form ist Leere; Leere ist Form. Die Leere ist eine subtile Form der Bewusstheit, aber ich bin nichts davon. Ich bin das Absolute, VOR Bewusstheit.

FMT: Also wenn Leere und Bewusstheit Teil der selben Sache sind und wir in der Welt von Purusha (Bewusstheit/Leere) und Prarkiti (Manifestation) leben, in der Dualität ausgedrückt wird, was ist dann die Beziehung zwischen Dualität und Nondualität?

SW: Es gibt nichts, das Dualität oder Nondualität ist. Nondualität und Dualität existieren nur in der Sprache. Sprache ist ihrer Natur nach binär und dualistisch. FMT: So existiert dies nur in Sprache. SW: Wittgenstein hat dies das Sprachspiel genannt. Nondualität ist ein Konzept, dass nicht außerhalb der Sprache existiert. Menschen versuchen das mit dem Vehikel eines Konzeptes zu verstehen. Es gibt keine Sache, die Nondualität ist – wie könnte das auch sein? Es braucht einen anderen Wahrnehmenden. Narajuna´s Hauptprinzip ist, dass es keine Einheit gibt, es gibt keine Gleichheit. Es gibt keine Unterschiede; nichts steigt auf, nichts verschwindet. Nichts ist gleich, nichts ist verschieden. Es gibt keine Einheit, es gibt keine Dualität VOR der Sprache. Es ist ein Sprachspiel. FMT: Wie passt Bhakti und der Schwerpunkt auf Hingabe in der Yogaszene dazu? SW: Wenn du in Bewusstheit bleibst, wird ein eigener Weg erscheinen als Tür zum Absoluten. Das, was die ultimative Bhakti oder Bhakta will, ist, dass Liebender und Geliebte, der sich in Hingabe Übende und der Gegenstand der Hingabe eins werden. Für Maharaj wäre Bhakti-Yoga, wenn du deine Aufmerksamkeit auf deine eigene Bewusstheit richtest und das Mantra wäre: Das Bewusstsein zu sein, dass sich dem Bewusstsein hingibt. Menschen haben ihn gefragt: „Warum ist kein Bhakti hier?“ und er sagte, „Ich bin Bhakta, ich bin Atma Bhakta. Ich verehre Bewusstsein. Ich verehre mich selbst.“ FMT: Ich glaube, dass Menschen häufig Dinge als Gegensätze ansehen, als ein entweder/oder. SW: Und das ist es nicht. Alles fällt weg als weder Dies, noch Das. Alles fällt weg als eine Erscheinung, die aus Bewusstheit gemacht ist. Indem du deine Aufmerksamkeit auf die Bewusstheit richtest, verehrst du das Bewusstsein, die Zwei werden eins. Und in diesem Prozess hast du dann das Neti-Neti von Advaita Vedanta, denn wenn du zum Bewusstsein wirst, fällt alles andere weg als Dieses ist es nicht und Jenes ist es nicht. Alles fällt weg, selbst das, was als Bewusstsein bezeichnet werden kann. Für 95% der Menschen war Maharaj´s hauptsächliche Lehre, „halte Dich an das ICH BIN, und lass alles andere los.“ Wenn jemand zu ihm kam und sagte, „ich bin nicht das ´Ich Bin´, ich bin nicht meine Gedanken, Erinnerungen, all das andere Zeug, ich bin einfach das ICH BIN“ dann pflegte er zu sagen, das ICH BIN ist ein temporärer Zustand, es ist eine Station. Wenn ich in San Francisco wäre und den Zug nach New York nehmen würde, dann gibt es da Salt Lake City und Denver und Kansas City; es gibt all diese Stationen. New York ist metaphorisch gesprochen der Ankunftsort – und da gibt es alle diese Stationen dazwischen. Warum solltest du an irgend einer besonderen Station aussteigen wollen. Was Maharaj so einzigartig machte, war, dass er sagte, das Bewusstsein wie eine Station ist.

FMT: Warum ist diese Konferenz, die Wissenschaft und Nondualität verbindet heute so wichtig?

SW: Es gibt da die berühmte Sanskritformulierung, drishti shristi vada, es gibt die Welt nur so lange, wie es ein Ich gibt, dass sie wahrnimmt. Wissenschaft ist ein Modell, ist eine Landkarte. Sie ist abhängig vom Wahrnehmenden; das ist offensichtlich. Das Ich erscheint, nachdem die Ereignisse schon stattgefunden haben, wie könntest du also der Tuende (the doer) sein? Mahraj sagte einmal, „Flüssigkeiten kommen zusammen und das ICH BIN erscheint.“ Er fasste damit 80 Jahre der Neurowissenschaft zusammen. Die Neurowissenschaft hat bewiesen, dass das Nervensystem spät dran ist und das die Wahrnehmung eines Ich durch biochemische Reaktionen im Gehirn entsteht, nachdem das Ereignis schon passiert ist. Ein Atom besteht hauptsächlich aus leerem Raum. Wenn du den Kern eines Atoms nehmen würdest und das Elektron, das ihn umkreist und die Größe des Kerns vergrößerst auf die Größe der Sonne und das Elektron auf die Größe der Erde, würdest du sehen, dass ein Atom genau so wie das Solarsystem aus mehr als 99 % leerem Raum besteht. Und unsere Welt besteht aus Atomen. Aber das Nervensystem und das Gehirn benutzen einen Prozess der Abstraktion oder des Weglassens, um unser Sehen so zu füttern, dass wir eine fest gefügte Welt sehen, alles Leere ist dann verschwunden. Die Definition von Illusion ist, etwas zu sehen oder zu erfahren, dass gar nicht da ist. Du siehst die Leere nicht; deshalb ist das, was du siehst eine Illusion. Der Körper, den ich ansehe, ist eine Abstraktion. Ich sehe nicht meine Hände an und sage „Da zirkuliert Leere da draußen herum.“ Statt dessen sehe ich Hände. Warum? Weil das Gehirn und das Nervensystem die ganze Leere weggelassen haben. Deshalb sehe ich etwas, das die abstrakte Repräsentation von etwas ist, das gar nicht existiert. Dies wird durch die 3 Grundprinzipien des Yoga bestätigt. Ich bin nicht der Verstand (Gedanken, Erinnerungen, Gefühle, Assoziationen, Wahrnehmungen usw.). Es ist offensichtlich, das ich auch nicht der Körper bin, denn der Körper ist eine Abstraktion und es ist auch nicht so, dass ich der Handelnde bin; das ICH erscheint, nach dem das Ereignis schon stattgefunden hat. Ich bin nicht der Handelnde. Ich benutze die Wissenschaft, als einen Dorn, um einen Dorn zu entfernen. Der Dorn, der bezeichnet werden kann als „das ICH, dass nach dem Ereignis entsteht“, dieser Dorn kann jetzt alle Gedanken dekonstruieren, die mit dem zu tun haben, wer du bist, was du getan hast, was du nicht getan hast, alle deine Erinnerungen, ...alles dekonstruiert sich selbst, basierend auf verschiedenen wissenschaftlichen Fakten. Maharaj würde nicht sagen, dass du an die Wissenschaft glauben musst, sondern das du einen Dorn benutzen solltest, um einen Dorn zu entfernen. Das ICH entsteht erst nach der Handlung; das ist eine Tatsache. Das bedeutet, dass ich nicht der Handelnde bin. Dies dekonstruiert all unsere Vorstellungen über Psychologie und alle unsere Vorstellungen über einen Selbst. Ich erfahre mich als ein Selbst oder eine Person, weil dies ein biochemischer Prozess im Gehirn ist. Wenn es keinen biochemischen Prozess im Gehirn geben würde, dann hätte ich keine Erfahrung „meines“ Daseins, ich hätte keine Erfahrung eines „Selbst“, geschweige denn eine Erfahrung von Psychologie oder Spiritualität. Es ist einfach eine Geschichte, es ist eine Abstraktion. Es existiert nicht wirklich. Aber du wirst in dem Maße leiden, in dem du den Sprachspielen Glauben schenkst. Ursache und Wirkung sind einfach Arten und Weisen, wie wir über Dinge nachdenken. 1964 zeigte John Stewart Bell, mit etwas, was als wohl die bedeutsamste Entdeckung der Wissenschaft bezeichnet wird, dass es nicht nur keine Lokalität gibt, sondern auch keine lokalen Ursachen. Es gibt nur eine Sache und die kannst du nicht aufteilen. Du kannst nicht sagen, das dieses isolierte Ding hier drüben die Ursache für dieses isolierte Ding dort drüben ist. Aber der Verstand, die Gedanken, Erinnerungen, Gefühle, Wahrnehmungen, Assoziationen, alle wollen eine Ursache haben und wollen sagen „dies geschah wegen dem...“. Es gibt einen berühmten Ausspruch, der besagt, dass es eine der Aufgaben des Nervensystems ist, das Chaos zu organisieren. Die dritte Definition von Chaos in Webster´s Wörterbuch ist der „leere Raum, der der Kreation des Universums voraus ging“. Das Nervensystem hat die Aufgabe, Ordnung aus Chaos zu machen. Der Sinn des Selbst ist nichts spirituelles; es ist eine biochemische Reaktion im Gehirn. Wenn der Körper stirbt, werden die chemischen Bestandteile nicht zusammen kommen.

FMT: Gibt es einen Sinnzusammenhang der Psychologie, so wie sie gegenwärtig in unserer Gesellschaft existiert?

SW: Wenn wir uns die Psychologie anschauen und 2500 zu Sokrates und den frühen Griechen zurück gehen, dann war ihre Hauptfragerichtung nichts anderes als Überprüfung, Überprüfung, Überprüfung. Dies hat sich mit der industriellen Revolution verändert, als von Menschen, die in Stammesgesellschaften und in bäuerlichen Zusammenhängen gelebt haben, verlangt wurde, in die Städte zu ziehen und unmenschliche Arbeit in Fabriken an Fließbändern zu übernehmen. Psychologie wandelte sich von dem Anliegen, herauszufinden wer du bist, zu dem Ziel, dich an eine ungesunde Gesellschaft anpassen zu können. Z.B. wie kannst du so hingebogen werden, dass es dir nichts ausmacht, anderthalb Stunden hin und zurück jeden Tag zur Arbeit zu fahren und nichts daran zu finden, von 9 bis 5 zu arbeiten und dann pro Jahr 2 Wochen frei zu haben. In diesem Sinne bewegte sich die Psychologie von der Haltung des Überprüfens und der Frage des „Wer bin ich?“ hin zu der Frage „Wie kann ich klarkommen mit diesen Umständen?“ Wie kann ich mehr sein, mehr haben, mehr Geld haben, besseren Sex haben, ein größeres Haus haben. Die Fragen „Wer bin ich?“ ist sein 150 Jahren verschwunden. Jeder, der mit Psychologie befasst war, wendete sich nach Außen, statt sich zum Bewusstsein hinzuwenden, zu dem, was vor den Gedanken, Erinnerungen, Emotionen, Assoziationen und Wahrnehmungen existiert. Die Quantenpsychologie versucht wieder zu den Wurzeln zurück zu gelangen. Das Grundthema ist, „Alles, was du meinst zu sein; bist du nicht.“

FMT: Menschen sind auf der Suche, weil sie Schmerz in sich tragen, sei es der Schmerz, der damit zu tun hat, dass sie in einer ungesunden Welt leben oder der damit zu tun hat, dass sie an Wahrnehmungen, Gedanken und Gefühlen hängen. Glaubst du, dass der Prozess des Überprüfens den Menschen letztlich hilft, den Platz zu finden, der nichts mit einem Schmerz zu tun hat?

SW: Die Frage ist, „Wer ist die Person?“ und dies ist kein leichter Prozess. Ich bin da nicht reingeraten, weil ich der Welt dienen wollte. Ich bin zur Psychologie und Spiritualität vor mehr als 40 Jahren gekommen, weil ich im Schmerz war. Ich war im Leiden und hätte alles getan, um aus dem Schmerz rauszukommen. Ich saß nicht in einem Zustand der Extase bei Maharaj. Ich hatte Extase (bliss), aber auch eine Menge Mist (piss). Allerdings, wenn wir jetzt über die Identifikation mit dem Bewusstsein sprechen – dann sind das schon große Sprünge. Die meisten Menschen, so sagte Maharaj, die die Lehren verstanden haben, bleiben in dem „ICH BIN“ und lassen alles andere los. Der schwierigste Schritt ist tatsächlich zu realisieren, dass du nicht deine Gedanken, Erinnerungen, Emotionen, Wahrnehmungen, Assoziationen, was auch immer, bist. Egal, welche spirituellen Praktiken die Menschen benutzen, sei es durch ein Mantra, Yantra oder Tantra, geht es immer darum, mit Deinem Verstand in einem ruhigen Ort zu sein. Aber dies wird niemals geschehen, wie sehr du es auch versuchst. Wir wissen darum: Gedanken tauchen auf, vergehen wieder und es gibt da Raum. Das Problem ist, dass der Raum aus der gleichen Substanz besteht, wie die Gedanken, und dass Raum und der Gedanke holographisch sind. Wenn ich in den Raum gehe und wenn ich aus dem Raum wieder herauskomme, dann wird alles damit wieder zurückkommen. Warum? Weil Raum und der Gedanke aus der gleichen Substanz bestehen – natürlich kommt dann alles wieder zurück! Gedanke und Raum bestehen also aus der gleichen Substanz, aber sie bestehen beide aus Bewusstsein. Du musst also zum Bewusstsein gelangen. Wenn du nicht zum Bewusstsein gelangst, dann wird der Raum wieder Gedanken erschaffen.

FMT: Dies scheint auch Bestandteil unserer Sprache zu sein; wir nehmen den Raum wahr und wir nehmen Gedanken wahr.

SW: Es gibt dort den Wahrnehmenden. Noch einmal: drishti shristi vada. Es gibt nur eine Welt dort, wo es auch einen Wahrnehmenden gibt, der sie wahrnimmt. Es gibt einen Ausspruch von Buddha, der sagt, das kein Wesen jemals Nirvana betreten hat. Warum? Weil Nirvana Auslöschung bedeutet. Kein Wesen ist jemals eingetreten, denn ein ausgelöschtes Wesen, dass in etwas eintritt, das nicht existiert, gibt es nicht.

FMT: Das geht wieder darauf zurück, den Dorn zu benutzen, um den Dorn heraus zu ziehen, die Sprache zu benutzen, um über etwas zu sprechen, das jenseits von Sprache existiert.

SW: Richtig. Wenn du sagst, VOR deinem letzten Gedanken, wer warst du? In Wirklichkeit gibt es nicht so etwas, wie „VOR“. Aber wenn ich sage VOR deinem letzten Gedanken, VOR diesem ganzen Gespräch, gibt es dort Dualität oder Nondualität oder WEDER-NOCH? Ganz klar WEDER-NOCH. Alles ,was wir tun können, ist Sprache zu benutzen, um auf das Bewusstsein VOR den Gedanken zu weisen. Maharaj´s Hauptsache war, „Alles, was wir lehren können, ist verstehen; der Rest kommt von alleine.“

FMT: Es gibt einen Unterschied zwischen dem Intellektualisieren von etwas und es wirklich zu wissen und zu erfahren.

SW: Dem stimme ich zu. Viele Menschen verstehen das als eine Landkarte. Du bist nicht dein System, du bist nicht deine Vergangenheit, du bist nicht deine Erinnerungen, Gefühle usw. Du bist nicht der Raum, nicht das Ich Bin. Ich bin jetzt nicht hier, ich realisiere, dass das JETZT abhängig ist vom Wahrnehmenden, ich bin nicht das JETZT, ich bin nicht die Gegenwart, ich bin nicht Bewusstheit und letztendlich bin ich das Absolute, VOR Bewusstsein. OK, jetzt hab ich´s. Alles das ist eine Landkarte für dich, eine Geschichte. Wer du bist, ist VOR der Geschichte. Maharaj hat Konzepte als Dornen gegeben, um Dornen heraus zu ziehen. Eine seiner Aussagen war, „meine Worte, wenn sie eingepflanzt sind in dich, werden alle anderen Worte und Konzepte zerstören.“ Wenn du einfach nur Advaita (Eine Substanz, nicht zwei) folgen würdest, nur aus einer Substanz, das würde alles dekonstruieren. Wenn es nur Eine Substanz gibt, kann es keine Ursache und Wirkung geben. Meher Baba hatte eine interessante Aussage: „Das Ego oder das Ich ist wie ein Eisberg: Neunzig Prozent davon sind unter Wasser. Wenn du beobachtest, kommt er zur Oberfläche und löst sich auf.“ Dies ist ein anderer Weg, Neti-Neti zu beschreiben. Du bist im Neti-Neti, weder Dies, noch Das, oder du verehrst die Bewusstheit als Bhakti, indem du dich auf das Bewusstsein fokussierst, deine Aufmerksamkeit auf das Bewusstsein bringst. Das ist Hingabe, bis der Verehrende Eins wird mit dem Bewusstsein, das ist ein innerer Prozess.

FMT: Es scheint so, als ob du immer wieder wiederholst, dass dies ein innerer Prozess ist.

SW: Jemand hat Maharaj einmal gefragt, wie lange es dauern würde und er sagte: „Um sich in diesem Zustand nieder zu lassen, kann es einige Zeit brauche.“ Und er sagte ebenfalls: „Bleib einfach in Deinem Sein, bleib nah bei dem Empfinden des ICH BIN und alles wird wegfallen.“

FMT: Was würdest du sagen, ist die Kernaussage, die Essenz seiner Botschaft?

SW: „Vergiss mich, vergiss Maharaj, vergiss die Lehren. Bleib im Bewusstsein selbst als Tor zum Absoluten.“

 


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